„Can’t you cook something German?“ Ähm, ja, warum eigentlich nicht? Fragt sich nur, was es denn sein soll. Die Entscheidung viel auf Rouladen. Nicht zuletzt, weil Stephen dieses Gericht von seiner deutschen Großmutter kennt und sehr mag.
Wir fassten den Entschluss gemeinsam für zwei sehr nette WGs etwas typisch deutsches zu kochen. Aufgrund der Besonderheit des Ereignisses, verdoppelte sich die Anzahl der geplanten Gäste (nicht vier, sondern 8 Personen wollten gern mal Rouladen essen). — Aber so lohnt sich der Aufwand wenigstens!
Um den Plan in die Tat umzusetzen, bedurfte es zu allererst natürlich eines Rezeptes. Das war dank einer Email von zu Hause mit ausführlichen Instruktionen kein Problem. Allerdings taten sich sehr bald neue Hürden auf: Wie übersetzt man bloß all diese Zutaten? Und wo soll man sie her bekommen? Abwarten, wir werden einfach den hiesigen Schnucks (so der Name der örtlich vorherrschenden Supermarktkette – man hält ihn übrigens für typisch deutsch) durchforsten.
Am letzten Samstag war es soweit: Kochtag. Wir trafen uns um drei, essen wollten wir um sieben. Soweit der Plan. Zu allererst will jeder natürlich wissen, was man denn genau vor hat zu tun. Trotz flüchtiger Blicke ins Wörterbuch, muss ich zugeben, dass mein Vokabular dafür nicht geschaffen ist – ich könnte eher etwas von Neuronen und Gehirnregionen oder mentalen Zuständen, Glauben und Wünschen erzählen.
Die seltsamen Zeichenketten auf dem von mir mitgebrachten Papierausdruck machten meine Mitköche neugierig (Wie sagt ihr das? Das sieht ja komisch aus …) und der Versuch daraus schlau zu werden löste (auch bei mir) heftige Lachkrämpfe aus.
Wir machten uns auf dem Weg zu Schnucks. Die Fleischregale waren zwar prall gefüllt, aber wir fanden kein dünn geschnittenes Fleisch. Das dünnste, das zu finden war, waren 2 cm dicke Steaks. Ok, dann müssen wir sie halt ordentlich platt klopfen („German kitchen is so brutal!“) – das hilft nicht nur der Größe, nein, so lässt sich auch der Kaloriengehalt der Nahrung mit dem Energieverbrauch während der Zubereitung aufzuwiegen.
Bratwurst, eingemachte Gurken (die hier pickles heißen) und Senf bekommt man problemlos. Auch Rotkohl und Spätzle waren relativ schnell gefunden. Schwieriger war es da schon Zahnstocher aufzutreiben (was ich nicht gedacht hätte!). Als Dessert hatte ich Herrencreme geplant, wobei sich hier nicht nur die Wahl des Puddings, sondern ganz besonders die Suche nach einem Fläschchen Rum oder Rumaroma als verdammt kompliziert erwies. Am Ende, so viel soll gesagt sein, dürfte uns zwar die Mehrzahl der Mitarbeiter im Supermarkt persönlich gekannt haben, aber wir zogen mit gefüllten Taschen voller adäquater Zutaten nach Hause.
Im Apartment angekommen, begann eine zweistündige Rouladen-Produktionsphase (Steaks plätten, zurechtschneiden, salzen, pfeffern, mit Senf, Bratwurst, Gurke und Bacon bestücken, einrollen, mit Zahnstochern fixieren und anbraten – klingt machbar, aber man bedenke, dass wir mit 10 Leuten rechneten und daher um die 20 Rouladen zu fabrizieren hatten!), an die sich eine neunzigminütige Rouladen-Kochphase anschließen sollte.
Die eintrudelnden Gäste beäugten das köchelnde Essen mit skeptischer Neugier. Was ist da drin? Und wie heißt das? Macht ihr das oft? Wie schmeckt das? Dauert das immer so lange? (Ja, ohne Schnellkochtopf schon.)
In der Schlussphase mussten die Rouladen aus dem dritten Topf auf die beiden anderen umgesiedelt werden, damit wir noch Herdplatten für Spätzle und Rotkohl frei hatten. Der Rotkohl imponierte vor allem durch sein vollkommen amerikanisches Etikett und die Tatsache, dass er aus dem Glas genommen und lediglich erhitzt wurde.
Beim Blick in die Spätzlepackung staunte auch ich nicht schlecht: Da waren cornflakesartige Brocken drin. Was ist denn das? – Die Antwort liegt auf der Hand: Transportkostenoptimierung. Man hat die Spätzle kein geschnitzelt, um ihr Volumen zu minimieren. Aber solange sie noch schmecken wie zu Hause, sehe ich das „original aus Deutschland“-Label als gerechtfertigt an.
Der Duft von Rouladen, Rotkohl und Spätzlen trieb zunehmend Beobachter vor den Herd. Wann ist das fertig? Und woher weißt du dann, dass es fertig ist?
Um halb neun (ja, etwas später als geplant) deckten wir den Tisch und richteten die einzelnen Töpfe als Buffet an. So konnte jeder selbst entscheiden, wie viel er von welcher kulinarischen Neuheit zu testen wagen wollte.

Wieder am Tisch angekommen, wurde das Essen zunächst akribisch beäugt. „Smells like German!“ „And it looks German.“ – Was auch immer das heißen mag. Nach den ersten Bissen war die anfängliche Skepsis bei den meisten Essern beseitigt. Es mundete zumindest so gut, dass man sich noch einmal nach nahm; auch wenn der Rotkohl dabei nicht zu den Favoriten zählte.
Der Herrencreme fehlte etwas Vanillegeschmack, da der auserwählte Pudding sehr sahnig war. Trotzdem kam diese Komposition so gut an, dass die große Schüssel (es müssten so um die 4 Liter gewesen sein) binnen eines weiteren Tages verputzt war.
Alles in allem ein gelungenes Menü, das schon ziemlich schmeckte wie zu Hause. – Und wir hatten eine Menge Spaß, auch wenn die Küche zwischenzeitlich einem Schlachtfeld (ja, das ist wörtlich zu verstehen) glich und nicht nur meine Füße ziemlich müde waren.
Unser nächstes Projekt sind Sauerkraut (von dem man hier glaub es gehöre auf Hotdogs) oder Lebkuchen (nicht zusammen) – letzteres wird eine wahre Herausforderung!